Unerwünschte Nebenwirkungen von digitalen Interventionen für psychische Störungen

Prof. Dr. Johanna Böttcher Psychologische Hochschule Berlin

Psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen sind sehr häufig. Viele Betroffene suchen auch im Internet und in den Appstores nach Behandlungsangeboten – und werden fündig. Mit der Einführung der Digitalen Gesundheitsanwendungen – die App auf Rezept – haben digitale Angebote endgültig Einzug in die Versorgung psychischer Störungen gehalten. Und das auch nicht ohne Grund, zeigen doch zwei Jahrzehnte intensiver Forschung für viele digitale Interventionen sehr gute und belastbare Erfolge. Am besten erforscht sind sogenannte geleitete Selbsthilfeprogramme; Anwendungen, in denen die Patient*innen über ihr Smartphone oder ihren Computer Informationen und Übungen erhalten und dabei von Psycholog*innen begleitet werden.

Doch bergen diese neuen Behandlungsverfahren auch Gefahren? Können eventuell Nebenwirkungen auftreten? Die Antwort ist kurz und klar: ja. Bei Nebenwirkungen denkt man in erster Linie an Medikamente. Viele Medikamente, die bei der Behandlung psychischer Störungen eingesetzt werden, sind mit Nebenwirkungen verbunden. Aber auch psychologische Behandlungen können Nebenwirkungen verursachen, seltener zwar und weniger schwerwiegend, aber dennoch. Und digitale psychologische Interventionen bilden hier keine Ausnahme.

Nebenwirkungen in digitalen Interventionen

In psychologischen Behandlungen können ganz unterschiedliche Nebenwirkungen auftreten. Zum Beispiel können die Symptome, aufgrund derer man die Behandlung begonnen hat, schlechter werden. Menschen, die aufgrund depressiver Verstimmungen eine digitale Anwendung nutzen, fühlen sich noch niedergeschlagener und antriebsloser. Diese Form der unerwünschten Verschlechterung tritt in digitalen Interventionen bei etwa 4-6 % der Patient*innen auf. Eine ganz ähnliche Rate findet man bei ambulanter Psychotherapie.

Ein anderer, sehr viel häufigerer negativer Effekt ist das Ausbleiben von Therapieerfolg. Das Problem, für das man die digitale Behandlung in Anspruch nimmt, bleibt bestehen. Es ändert sich nichts oder nicht genug. In sogenannten geleiteten Selbsthilfeprogrammen betrifft das etwa 30 % der Patient*innen, wobei man davon ausgehen muss, dass diese Zahl bei ungeleiteten oder weniger gut beforschten Programmen noch sehr viel höher ist. Das Ausbleiben von Veränderung ist zum einen natürlich frustrierend in dem Moment, zum anderen birgt es aber die Gefahr, dass der*die Patient*in die Hoffnung verliert, das Problem mit psychologischer Hilfe bewältigen zu können.

Typische Nebenwirkungen in digitalen Interventionen

Neben einer Verschlechterung oder einem Gleichbleiben von Symptomen können in digitalen Behandlungen noch weitere Nebenwirkungen auftreten. So berichten manche Patient*innen zum Beispiel von neuauftretenden psychischen (z.B. Schlafstörungen) oder somatischen (z.B. Kopfschmerzen) Symptomen. Manche Patient*innen erleben es auch als schmerzhaft, in der Behandlung mit dem ganzen Ausmaß ihrer Störung konfrontiert zu werden. Besonders für die digitalen Interventionen ist, dass sich manche Patient*innen unter Druck fühlen, die Behandlung in einer bestimmten Zeit zu Ende zu bringen. Meist sind digitale Behandlungen nämlich auf eine klare Anzahl von Wochen ausgelegt und verlangen von ihren Teilnehmenden einiges an Energie und Kraft ab. Manche Patient*innen fühlen sich auch belastet, weil sie Erklärungen oder Übungen nicht verstehen oder nicht schaffen. Auch der Kontakt zur begleitenden Psycholog*in wird von manchen Teilnehmenden als unzureichend wahrgenommen. Nicht zuletzt kommt es in digitalen Anwendungen auch immer wieder zu technischen Schwierigkeiten, die die Teilnehmenden aus der Bahn werfen können.

Die allermeisten dieser Beschwerden sind vorübergehend. Auch gefährden sie nicht den Therapierfolg als Ganzes. Trotzdem ist es wichtig, sie als negative Effekte wahrzunehmen und zu erkennen.

Handlungsmöglichkeiten beim Auftreten von Nebenwirkungen

In dieser Situation kommt es sehr darauf an, was für eine Art negative Auswirkung die betroffene Person spürt und was für eine Form digitaler Behandlung genutzt wird. Wenn die Behandlung begleitet wird, sei es durch eine Online-Berater*in oder durch eine*n verordnende*n Psychotherapeut*in, sollte das Problem dort angesprochen werden. Die betroffene Person sollte über die Symptome oder Probleme, die während der Behandlung auftreten sprechen oder ihre Sorge teilen, dass das Gefühl besteht, das Programm helfe nicht. Nur so hat die begleitende Psycholog*in die Möglichkeit, zu unterstützen und gemeinsam mit der*dem Patient*in nach Lösungen zu suchen.

Wenn eine digitale Behandlung ohne Begleitung genutzt wird, muss sich noch nicht beim ersten Auftreten von Problemen Sorgen gemacht werden. Die Patient*in sollte gut beobachten, wie es ihr während der Behandlung geht. Falls nur wenige Fortschritte festzustellen sind, könnte eine Möglichkeit sein, sich noch intensiver auf die Intervention einzulassen. Die Forschung zeigt klar, dass nur die Patient*innen von digitalen Interventionen profitieren, wenn diese intensiv genutzt werden. Wenn aber trotz intensiver Nutzung keine Fortschritte zu sehen sind oder auch neue Probleme auftreten, die nicht nach ein paar Tagen wieder verschwinden, sollte überlegt werden, die digitale Behandlung zu beenden. Dann war das spezielle Programm oder auch das Format nicht das Richtige für die betroffene Person. Vielleicht ist ihr mehr geholfen, sich einer*m Ärzti*n oder Therapeut*in anzuvertrauen oder auch in einer Selbsthilfegruppe Unterstützung zu suchen.

Denn auch wenn psychische Beschwerden häufig sind: die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig. Und digitale Interventionen sind nur eine ergänzende Möglichkeit in diesem breiten Versorgungsangebot. Nebenwirkungen treten hier nicht häufiger auf als in anderen psychologischen Behandlungsformen. Aber es gibt Nebenwirkungen und ohne sich davon zu sehr verunsichern zu lassen, sollte man sie im Blick behalten.


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Prof. Dr. Johanna Böttcher
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